Monitornie

Während ich nicht mal sechs Stunden Zeit hatte, sie mir um die Ohren zu hauen, die Zeit, obwohl ich genau
das nicht beabsichtigte, mir immer die Zeit um die Ohren zu hauen. Ich wollte auch diesen Moment noch,
wenigstens diesen, eingefangen haben, ich wollte die Momente einfangen. Einfach weil mir zu viele entglitten
in dieser Brandung, was einer Leinwand glich, einem umfassenden Film, dem ich zu entwischen versuchte...
Ich wollte nicht eingefangen sein von einer Kamera, obwohl ich sie überall spürte, irgend eine Kamera
beobachtet mich, wie ich die Zeit totschlug... Und obwohl man das Zeittotschlagen kaum verfilmen kann,
spürte ich sie auf mir ruhen, das muss eine Stimme gewesen sein, die aus der plötzlichen Unruhe stammte,
die Vater erzeugte mit seinem Tatendrang,. Er war der Urlauber, der genießen wollte, während mein Zeitplan
in den nächsten sechs Stunden wieder auf Rückflug gebucht war... Er war es, der mir meine Verschwendung
deutlich machte, er. Oder ich. Welches ich ... Ich fühlte mich  längst entstellt.

Also schlug ich sechs Stunden tot. Das alles... im Hinterkopf noch immer Black Beauty... was ja nicht nur ihr
Pferderücken war, sondern auch ihre Beine ... Zebras zum Beispiel, wusste ich, achten immer auf ihre Beine
... wenn sie kämpfen, wollen sie sich in die Beine beißen, ein fast schon ritueller Kampf .... ein Tanz ... wenn
Pferde kämpfen, ... und ihre Zähne ... ich ahnte, dass in meinem Kopf ein unsinniger Film spielte ... ich sah
ihren Rücken, ihre Beine, aber ich sah ihre Augen nicht, nirgends, wessen Augen? Vaters Augen? Vater, der
immer die Augen verdeckte, wenn ich ihn Vater nannte, Vater, der eigentlich kein Interesse zeigte an seiner
Brut, sondern für Fortpflanzung, welche? Vater, auf der Suche. Auch diesen Spaß konnte ich nur erahnen, ich
steckte ja nicht in ihm drin, nicht in dieser Nacht, nicht im Traum, nicht in Wirklichkeit. Vater spielte in
meinem Film die einfache Rolle von Zeit, die er mir voraus war. Er hatte mich gezeugt - ich nichts. Ich stand
am Strand und ließ Zeit verstreuen - das war seine Zeit, in der ich an ihn dachte. Und die Frauen, die da am
Strand, oder in den Armen ihrer Geliebten lagen, sahen mich nicht, wie ich sie sah - ich sah sie, während sie
schwiegen - lagen - sich sonnten.

Zurück in meinem Flieger, wieder zurück, spürte ich, Black Beauty hat keine Augen. Ich sehe sie nicht, sie
mich nicht, wir beobachten uns schweigend, ich hatte vor meinem inneren Auge Vaters neue Geliebte
gesehen, und sicher würde er sie finden auf Lanzerote, wo sonst. Ich kehrte Heim und würde im Flugzeug
weitere Heimkehrer betreuen, die ebenfalls zurückkehrten, und kein Rücken würde seine Augen zu mir
erheben.  
Also war ich allein. Das war kein Pathos in diesem Satz, das war eine Feststellung. Ich war allein. Und erst
später würde ich erfahren, was Vater mitbrachte von seinem Urlaub, und allein die Vorstellung, dass er Spaß
mitbrachte, beruhigte mich, denn das wurde deutlich - soll er Spaß haben, auch der würde verfliegen. Wir
blickten uns an, gegenseitig, mit schrägem Blick, wie es unsere Gewohnheit war - und dann waren wir nackt,
offensichtlich immer wieder nackt. Wo doch sein Freund zumindest noch immer die Hosen anhatte, jene
durchgesessenen Hosen, in denen wir wahrscheinlich auch eines Tages sitzen würden, und wir würden uns nur
noch an den Augenblick erinnern, wie wir, uns erhebend, weiße Abdrücke auf irgendwelchen Sitzen hinterließen.

Allerdings, was war alles geschehen, es war überraschend. Je mehr ich erlebte - ich verschwand immer mehr -
ich entfernte mich bei jedem Erleben. Ich brachte also mit fortdauerndem Traum immer mehr Zeit dazwischen
- zwischen mich und Vater - wir verabschiedeten uns - nicht nur im Gruß, sondern im Bild. Dieses Bild ist ein
Vater, der winkt, obwohl er auch schon ganz in einem anderen Film verschwand - am Rücken seiner Geliebten
- hinter dem Rücken seiner Frau - und ich nur darauf zurückkam, weil seine Geliebte auch meine hätte sein
können. Mit den Augen eines Pferdes schaute sie mich an, bleckte kurz mit ihren Zähnen, schälte unter
diesen Zähnen ihre Lippen frei und klopfte sich auf die Beine. Sie wirkte glücklich - auch wenn dieses Pferd
noch immer kein Gesicht hatte.

Dieses Gesicht mochte sich über Vaters Schenkel ausbreiten, es mochte mich mit seinen schwarzen Augen
anblicken, das Gesicht war noch undeutlich, es war erahnt, aber unsichtbar. Im Kopf - in meinem Kopf, in
Vaters Kopf - es war nicht echt.

Eigentlich zeichnete es sich wie ein Gemälde ab. Irgendwo kam jemand auf die Idee, eine Landschaft
aufzuzeichnen, und dann stand ich vor diesem Bild und dachte, ich stehe im Bild. Auch wenn ich weit vor dem
Bild stand, aber manchmal erkannte ich so etwas Unbestimmtes wie Identität - ich empfinde also. Vater, ich
bin noch nicht tot. Nein. Ich nicht. Du mit deinen plötzlich wie exhibitionistisch aufkreuzenden Speerspitzen,
vielleicht, du, der plötzlich eine junge Frau sucht. Bevor man verschwindet, bevor man sich in Luft auflöst,
oder sich in Punkten darstellt. So wie ich an dich keine Erinnerung mehr habe außer an dein Verschwinden.

Inzwischen hatte sich Lanzerote seinen Urlaubern erschlossen, ich wartete auf den Rückflug, und Vater würde
sich endlich amüsieren, und dann käme in zwei Wochen dieser Hinweis, dass er sich in eine junge Frau
verguckt habe, mehr noch, diese junge Frau wollte endlich in sein Haus einziehen, neben Mutter.
»Ich hab’ Kopfschmerzen«, sagte Barbara, »vom ewigen Rumfliegen kriegt man Kopfschmerzen.«
»Ich nicht«, sagte ich, »aber wahrscheinlich morgen, da muss ich mit Mutter reden.«
Ich kam mir vor wie ein Showmaster auf diesen zwei bis drei Stundenflügen, der Showmaster in mir winkte
dann zu Barbara, du, sie wollen dich nackt sehen, aber Barbara war nicht Black Beauty, weswegen sie keinen
Hof hatte, weswegen ich mich nicht in sie verliebte. Weswegen wir Freunde blieben, die aussahen wie ein Paar.

Alles in einer Nacht. Und noch mehr. Ich hatte doch, als ich Vater und seinen Freund am Flughafen
verabschiedete: „Wir telefonieren!“, noch einmal einen Blick auf die Hose seines Freundes gerichtet, fast
zufällig, auch als sei das schon eine Angewohnheit von mir, und hatte wieder sämtliche Sitzgarnituren in
seiner Hose erkannt, da fühlte ich auch so etwas wie eine Vorherbestimmung, eines Tages würde auch ich in
solchen Hosen durch das Leben ziehen, einfach weil ich zuviel herumgesessen hatte. Vaters Freund war so
etwas wie eine Mischung aus Vater und mir, nur fortgeschrittener. Weswegen ich häufig und immer wieder auf
diese Hosen guckte - meine Hosen. Meine Hosen in zwanzig Jahren.

Deshalb beeilte ich mich regelmäßig aus den Fluglotzenhosen oder einfach nur aus den eigenen Hosen
auszusteigen, aber noch waren wir nicht zuhause, und noch war ich im Traum, und noch flogen wir routiniert
im Himmel. Und die Frau mit Buba war natürlich eine andere Frau mit Buba, genauso, wie ich mir Vaters
Freund im Flugzeug neben Vater einfach einbildete, und genauso schien ich mir einzubilden, dass ich da
oben hinter dem Rücken all der Fluggäste meinen alten Schulfreund wiedersah, mein Lieber, und er war
schon immer rothaarig, so auch heute, und dieser rothaarige Freund, mein Lieber, stand an einem Hügel
hinter dem Rücken all meiner Fluggäste und zeigte bergauf, da stand Black Beauty. Nackt.

Ihre freigelegten Brüste wie ein Schelm. Schweigend freigelegt und ohne Rücken. Sondern vorderseitig, schön
und eindeutig. Trotzdem unnahbar. Was wohl mit meinem Freund zu tun hatte, der mir nur Teile seiner
Phantasie verriet, seinen Wunsch, sein Verlangen nach einer Frau, die ihm im Rücken lag mit diesem Schelm.
Black Beauty gehörte plötzlich meinem Schulfreund. Rothaarig stand er da mit dem Zeigefinger Richtung
Rosshaar. Seine Haare erinnerten mich an meine Haare. Aussterbend. Seine Haare hingegen wie ein Schweif,
noch immer, und auch das war mit kleinen Fehlern besetzt, denn seine Haare starben schon damals aus.
Haare, wie von Öl gezeichnet. Und im Hintergrund der Himmel, der kurze Stoß in einen Horizont, wie
vorgezeichnet, immer wenn wir flogen. Auch nachts. Verließen wir die Lichter. Plötzlich wieder das Gefühl, dass
ich Abschied nehme. Fast schon zur Routine gewordenes Abschiednehmen: „Wir telefonieren.“

Wenn sie über den Dächern auf einer Stahltreppe standen und von blonden Küken erzählten, ihren
Alpträumen, so wuchs erstmal Erstaunen, dann Schweigen: „Macht mal Urlaub!“ Helge sah den Flur hinunter,
er hörte die Schritte kommen, im Nebenzimmer verhallen, und nach einer Weile wieder zurückgehen. Sie trug
ein Wasserglas an ihren Platz, dort saß sie geduldig vor einem Bildschirm, schüchtern, leise, sie lief auf
Ledersohlen durchs Geviert.
Im Nebenzimmer bereitete die Projektleitung den für kommenden Juli vorgesehenen Umzug vor, unter
anderem die Vernetzung, und als der Elektriker Lichtwellentechnik vorschlug, fragte die Projektleitung
verblüfft, ob man nun kabellos vernetzt würde. „Nein, das hat mit Glasfaser zu tun,“ sagte Helge, aber da er
sich nun auch noch zu Wort meldete, wendeten sie sich der Telefonanlage zu, denn ein Techniker, diesmal
der Elektriker, war fast schon einer zuviel. Es wusste ja jeder, dass nicht Helge so etwas erfunden hatte,
sondern irgendein Mensch aus Übersee, was auch Unsinn ist, wollte man nämlich den Urheber für
Lichtwellenleiter ausfindig machen, müsste man bis Braun oder Siemens zurückdenken und so tun, als gäbe
es nicht mal elektrisches Licht. Es war Helge, der ihnen die Datenströme erklärte.
»Sie gucken mir aufs Hemd und sehen, dass meine Krawatte verrutscht ist, sollte ich eine anhaben, oder sie
gucken auf meine Schuhe, sollte ich welche anhaben«
Tatsächlich hatte er geträumt, wie er ohne Schuhe aufgetreten war, denn ein Hausmeister darf wahrscheinlich
keine Lederschuhe anziehen, wird er zu einer sozialen Gefahr. ‘Komm, Helge, lach doch mal! Du bist unser
Hausmeister und manchmal auch Psychologe, vielleicht ist das etwas übertrieben, aber all die Kosten, die
sonst ein Psychologe verursacht, ruhen auf deinen Schultern.’
»Lass uns dein Auto nehmen und einfach raus fahren, in den Norden, an den See, und uns langweilen.«
»Das ist keine gute Idee.«
»Dann lass uns in den Süden fahren.«
»Das ist auch keine gute Idee.«
»Du hast gesagt, du könntest nicht schlafen, du hast dich sogar daran erinnert, dass ich immer schon früh
mit den Vögeln aufstehe. Ich hab’ geahnt, dass es mit uns zu tun hat. Ich will nicht mehr sterben im
Gegenwind der Leute.«
Wenn er allein war, schrieb er an seiner Philosophie über die Langeweile, mehr im Kopf als auf Papier.
Auf der Urlaubsliste stand, dass niemand fehlte, und dann waren drei Mitarbeiter krank, in der Zeitung stand,
dass ein großer seinen Job quittierte. Cirka drei Stunden später ging es auf die Mittagspause zu, es folgte
der Mittagstisch, es ging gegen Nachmittag, und dann träumte Helge von Busen. Wenn es Abend wurde, ging
man in eine Bar, erklärte sich den Witz des Alltags, und dann brachte man sich zu Bett. Als es im ersten Jahr
so stattfand, dachte er, das wird noch anders, dann folgte das zweite Jahr, das dritte, inzwischen waren es
zehn.
„Ich bin ein Junkie, und du ‘ne Edelhure.“
Selbst Ines könnte er so etwas sagen. Er sprach inzwischen mehr mit ihr als sie mit ihm, aber seit kurzem
konnte sie auch nicht schlafen. Helge glaubte schon, sie  vermisse einfach nur Renè, aber vielleicht vermisste
sie auch Helge, das konnte er nicht wissen. Denn er schaute nicht in sie hinein, auch wenn sie ihn ansah, als
schaute sie in ihn hinein.
Er wusste nichts von ihr, sie würde einfach Häuser malen, Zimmerpflanzen gießen oder Wintergärten planen,
sie würde mit schwarzen Köfferchen durch die Straßen ziehen und aussehen wie das Abziehbild einer Ekstase.
Helge würde sich in eine Frau verlieben, die sich in Geschäftsführer verliebt, so eine Geschichte war das. Er
genoss die Morgen, die Mittage, die Abende, zehn Jahre lang, mit Fernrohr - dort drüben, der Urlaub - am
Mittelmeer, in diesem Fernrohr glitzerten manchmal  Frauen - aber das konnte man sich vor einem Film viel
unmittelbarer besorgen, dann war da der Geruch. Der Geruch nach Vanille, unmittelbar und unerreichbar.
Früher waren sie schön, heute Präsens. Noch immer stehen sie da wie ein Lachen über all die Vergehen, die
kleinen Sünden, sie haben etwas einer Lebendigkeit, die keine Worte schreckt, außer die, die durch Bilder
ersetzt sind, und in diesen Bildern spiegelt sich ihre Jugend, die davon nichts mehr weiß, ein Kind der Zeit -
welche Zeit damit gemeint ist, keine Ahnung -geschickt geschickt jedenfalls, wer sagt, er sei gar nicht
vorhanden.
Jetzt, wo ich sie mir vorstelle, schläft sie - sie weiß es nicht einmal, sie schläft auf einem Bett, das keinen
Zeugen kennt. Sie hat nicht mal halb so viele Gedanken an ihren Schlaf wie ich - da steht möglicherweise ein
Schrank - und an diesem Schrank sind Bilder, vielleicht Gestecke, vielleicht nur Schnipsel - und drüben hat sie
sich ein Portrait aufgehängt, Ines nackt, im Seitenwinkel aufgenommen, als Erinnerung. So schön war ich
einmal, so schön will ich bleiben. Ines nackt am Schrank.
Aber wahrscheinlich hing da keine Frau an der Wand, ein Bild, nicht mal ein Bild, es blieb von dem Bild nur
die Wand. Sie schlief möglicherweise einfach ein. Sie hatte gar nicht darüber nachgedacht. Sie war einfach
aufgewacht. Sie hatte geschlafen. Sie hatte nicht mal geträumt. Sie ging einfach los. Da war ein
unbestimmtes Rauschen, aber das sollte fliehen.
Ihre Beine über Kreuz, ihre Haare beiseite geschoben, und in der ich verschwand, würde sich gleich auflösen,
in ihrer Zeit, ich sah nur sie, und dann würde ich ihr zu komplex, als ich ahnte, dass Leben Alltag bedeutet.

Auf der gegenüberliegenden Seite ein inzwischen geräumtes Gebäude. Wo noch vor wenigen Wochen viel
gearbeitet wurde von morgens bis abends, nachts, plötzlich gähnende Leere. Helge hatte Ines zwei Wochen
nicht gesehen, und tatsächlich verschwand sie immer mehr, dafür sprach er in Briefen mit ihr und in seinen
Gedanken schrieb sie zurück, eine Frau mit süßer Stimme und Rechtschreibfehlern.

Zuhause in einer Stadt, in der Buchstaben Freunde sind, die Stadt, in der du lebst als Abbild dieser
Freundschaften. Sie wird mir folgen und ich würde überall die Leute suchen, die sie verschlungen hat. Die
mich durchzogen hat mit ihren Straßen, Plätzen, den Bars, den Stuben, - wenn man zum Koffer wird: Acht
Jahre habe ich auf dich gewartet und nach diesen Jahren erschien ein Abbild von dir, das mich all die Zeit
spüren ließ, ich würde aufbrechen, und die nächsten Jahre blieben in jenem Koffer, in der meine Zeit war.  

Wo ist Black Beauty, Vater!
Es ist nicht viel geschehen in den letzten Jahren, wenn ich sie überblicke, wenn ich sie auszuschmücken
anfange, sie ausleuchte und erfrage, ist unglaublich mehr geschehen.
Ich denke, all die Frauen, die vor meinen Augen verschwanden, hast du in deinen Stall gebracht.
Dann sehe ich sie einen weiteren Mann betrügen, ich sehe sie Erfahrungen machen, die so wenig gelten wie
die Nachrichten der Presse.
Zeig mir, wo Black Beauty ist!
Ich will auf Pferderücken schlafen aufwachen wieder staunen, wirf das Licht an! Vater, höre auf zu schweigen,
erkläre das! Geschichten zu erzählen, wäre so flüchtig wie das Licht ein- und ausschalten. Ich könnte
nächtelang in der Bar rumstehen und mich vollaufen lassen, weil Black Beauty immer nur zum Fenster
reinschaut, oder dort im Straßenlicht vorbeizieht. Wieso ist das Straßenlicht heute ausgeschaltet, aber die da
drüben haben Licht? Vater, komm, erzähl mir schon. Ich bin nicht dein Sohn, dann könnte ich etwas befreiter -
, aber so muss ich mich verbergen, die Wahrheit hinter deinem Rücken, und all die beschämten Frauen,
sowie ich anfange, von dir zu berichten. Vater! Raus mit der Sprache, wo hast du sie kennengelernt, die
Geliebte, die mit Mutter alles teilen will, auf drei Worte reduziert: gestern heute morgen. Selbst der Kollege
M, von dem ich ausging, dass er ein Arschloch sei, schreibt Briefe. Man kann sich täuschen, aber
wahrscheinlich bin ich auf der richtigen Fährte, denn selbst in seinen Briefen geht es her, als gelte er etwas -,
und sie wissen nicht mal, dass ich mitlese -, ich weiß mehr, als mir zusteht, sie schreiben, was sie glauben -,
was hat das mit meiner Geschichte zu tun, mit unserem Pferd? Erzähl lieber Märchen, Vater! Märchen von
Pferdehintern, auf denen wir ebenso rückwärts liegen, als sei dieser Rücken das Gewicht der Welt. Nichts,
möchte ich meinen, hat das zu tun mit mir, genau so wenig, wie all die Geschichten, die sonst noch
geschehen, außer dass sie mich neugierig machen, mich Zeuge werden lassen, wo alles Liebe ist - so ein
Pferd, das auch mit ausladendem Gehöft auftritt, im Licht erscheint, glänzend und geschmeidig, unter deinen
meinen Händen sich krümmt und uns mitnimmt auf seiner Linie, fort fort.

Ich rede immer noch mit dir. Ich weiß nicht, warum ich mit dir rede. Ich rede immer mit dir, es finden in mir
diese Gespräche statt, über die Freunde, die Unbekannten, die Frauen, deine Frau, die meine Mutter ist, und
dann haben wir diese Rückfälle, wir sprechen über Staatsverschuldung, wir sprechen über Börsengeschäfte, wir
sprechen über die Gemeinden, die Straßenführungen, das Streugut in der Kurve, die Rutschpartien auf der
Autobahn, deinen Garten, deinen Sommer, deine und Mutters Rente, und jedesmal wenn ich versuche, dir
meine Welt zu erklären, muss ich es schnell machen, weil diese Geschichte nichts zu tun hat mit dir, obwohl
ich sie erlebe, und ich als Teil von dir immer glaubte, mein Erleben sei etwas für dich. Dann reite ich durch die
Geschichte, meine Episoden, in denen Weltgeschichte nicht vorkommt, - was machen die Frauen, fragst du
mich, und: Willst du nicht Kinder? Was für eine Frage, Vater!

Da stand nicht eine Frau, von der ich behaupten könnte, sie sei mein Lebenswerk, stattdessen, als ich den
Raum betrat, war es, als sollte ich rückwärts zur Tür hinaus, all diese Schattengestalten der Agentur, und
mittenmang dieser Renè. Ein kleiner brünetter Mann mit schiefen Zähnen, einem schimpansenhaften Lachen,
nichts, wonach ich hungerte. Ein Mann in schwarzem Overall, einem Jackett und in Jeans,. Weißt du, was den
Mann auszeichnet? Verrate es mir, Vater! Sag’ mir, wozu ich diese Leute kennenlernen muss. - Als sei es
unwichtig, wo man hingespuckt wird.

Bis ich das Ganze wieder in meinen Stall bringe, um diese Leute ein Gatter spanne, damit ich noch einmal
sehe, welche Bedeutung sie haben, diesmal sind es keine Pferde, es sind Affen. Die fummeln sich im Gesicht
herum, sie sehen sich und ohne zu zucken, wird sich - wie in einer Nebentätigkeit - der Finger ins Gesicht
oder in den Hintern gesteckt - und eigentlich will ich nicht wissen, in welches Gesicht Renè gerade blickt.
Obwohl er sicher auch, wovon ich ausgehen will, von sich behauptet, ein schöner Mann zu sein. Und Vater!
Was mich vielmehr verwundert: ich habe Renè etwas gesagt, auf das er selbst hätte kommen können, wenn
er nur einmal hinsähe, aber er guckt gar nicht mehr hin. Geradeso als verlöre ein Geschäftsführer, je mehr er
sich um seine Geschäfte kümmert, den Überblick. Und als seien sie darauf angewiesen, dass ihnen jemand
mal den Finger ins Gesicht drückt, ihm die Wahrheit sagt, sie einmal aufklärt über das Geschiss in ihrem
Laden... Warum erwähne ich das? Du kämst ja nie auf den Gedanken, so etwas zu tun. Niemals. Du würdest
dich eher grämen und es bei Mutter loswerden, und Mutter würde sagen, es sei schäbig, so zu denken, man
redet so nicht über andere Leute, und dann wäre es gut. Ganz anders ich. Wahrscheinlich war ich übervoll, wie
man sagt. Seit längerem nämlich beobachte ich, dass die Leute von der Agentur entgegen all den Theorien,
sogenannte Hierarchien flach zu halten, immer mehr Hierarchie aufbauen - so sehr, dass die einfachen
Mitarbeiter unter dem immer größer werdenden Wasserkopf einfach jede Motivation verlieren überhaupt noch
etwas zu tun. Sie jobben nur noch vor sich hin mit Widerwillen und mit zynischen Hintergedanken, und
insgeheim laufen da demotivierte Mitarbeiter mit in Papier gewickeltem Dolch umher, darauf wartend, wen
sie, wie ich es schon geträumt hatte, umbringen können.

Vielleicht sollte ich weniger über solche Leute nachdenken, sondern darüber, warum plötzlich auch in meinem
Leben wieder etwas geschieht. Wir sahen uns fast täglich. Sie ist, wenn ich es richtig sehe, eine großartige  
Erscheinung, und nun bin ich verblüfft, wie schnell das ging, wie plötzlich. Ich erhob mich und beschloss, sie
für mich noch einmal festzuhalten. Es war reiner Zufall, als sie eines Tages neben mir auftauchte und sagte:
Du bist doch der, der für meine Freunde arbeitet?