vom aufgehenden mond

Von glück und anderen einbildungen durchdrungen joggt der alte herr friedrich jeden tag in den nachmittagsstunden
hinauf auf den hohen brocken, um beim anmutigen waldesduft ein wenig von seiner alkoholkrankheit samt ihren
halluzinösen wahnideen erholung zu finden. Hoffnungsschwer trabt er mit schwarzem klappchapeau und zinnobernen
pfeffer- und salzhosen auf die anhöhe hinauf, nachmittags um fünf uhr, da er gewöhnlich die nacht durchzecht hat, um
doch noch ein wenig silberschein vom aufgehenden mond zu sehen, obgleich die zimmerwirtin seine ruchlose mondsucht
belächelt hat, auf der suche nach einem neuen sujet für seinen schönen-seelen-wahnwitz. So stakst er, mit glasig
aufgeweichtem blick, tag für tag hinauf, stapft querfeldein in helles nachtgeflunker, den krummsäbel der liebessehnsucht
tief ins eigene herz gestoßen. dabei wird er das blöde geschwirr der nahenden nacht um ihn her nicht los. All diese
kleinen flattermänner, dieses infektöse geschmeiß der blutsauger und juckenden bestien. Verdammich, was das doch
schon kalt wird am abend. Schwarzgerändert unter den augen belächelt er seinen altersstarrsinn, doch jeden abend noch
einmal die 300 höhenmeter zu überwinden, die herzklappen voll und ganz auf rührsal eingestellt. Und endlich oben, auf
seinem panoramasitz angekommen, holt er anstelle seines (wie er aller welt glauben macht) skizzierbüchleins als
erfrischung ein kleines glasfläschlein heraus, voll von herzhaftem birnenschnaps, den vom dorfspezl selbstgebrannten,
den er langsam und bedächtig an die unrasierte mundpartie hebt, selig dreinblickend über seine belohnung. Wenn er
nicht gar an das hinterteil von frollein marie, dem dicklichen zimmermadl, denken muss. Dabei hickst er einmal kräftig,
wenn der brand seine magenschleimhäute erreicht. Als appetizer seiner schwiemeligen open-air-frömmelei muss aber
letztendlich das von hand liebevoll gestaltete gedichtbändlein herhalten, mit ledereinband, in das er oft schon übermütig
mit rötelkreide hineingekrickelt hat und aus dem er zur wonnigen stimmung sich selbst einen echten brentano rezitiert, das
herzchen pietätvoll auf durchzug. Anschließend presst er sich das monokel vor das vom grünen star kranke auge und
starrt trübsinnig ins tal, im kopfe überschlagend, was ein landschaftsgemälde in der sogenannten romantischen manier
für einen ertrag brächte und lässt das auge schweifen über die ausgebreitete lippenscham der natur holdem laubwald. Mit
zittrigen fingern wird das hölzerne pfeifchen gestopft, um hier oben nach herzenslust zu schmauchen, dabei wedelt er mit
dem linken arm und poltert krächzend, weil ihn beim sinnieren das gefiepe einer singdrossel nervt. Blau steigt der rauch.
Eigentlich war caspar david ein beigelbbremser, statt das pedal ordentlich durchzutreten, wenn die ampel umsprang.


k u r z g e s c h i c h t e n

1
Es klingelt an meiner Tür. Ein Mann mit einer Tasche steht draußen, der von seiner Kleidung her einen etwas
altmodischen Eindruck macht.
„Guten Tag“, sagt er. „Ich bin Herr Frei, ein Dieb.“
Es folgt ein warmer Händedruck.
„Ist bei Ihnen momentan jemand zu Hause?“
Ich verneine und bitte ihn herein, worauf er sich sehr höflich bedankt.
„Setzen Sie sich doch erst einmal“, sage ich und biete ihm einen Tee an. Herr Frei setzt sich, stellt seine Tasche ab und
nimmt den Tee. Er lässt seine Blicke schweifen.
„Bestimmt möchten Sie meine Wohnung inspizieren?“, sage ich.
„Selbstverständlich.“, betont Herr Frei.
„Vielleicht kann ich Ihnen helfen, wenn Sie mir sagen, wonach Sie genau suchen?“
„Nun“, sagt er, „die Sache ist ein wenig delikat. Ich suche in erster Linie — Walderdbeeren.“
„Oh“, sage ich, „damit kann ich ausnahmsweise nicht dienen.“
„In zweiter Linie suche ich Zahnstocher.“
„Da sind Sie hier richtig“, antworte ich und biete ihm an, selbst nach Ihnen zu suchen.
Mit Könnergriff öffnet er so gut wie lautlos einige Schubladen und Regaltüren in der Küche und wird nach nicht einer
Minute schon fündig. Er öffnet die kleine Schachtel, nimmt sich drei heraus, verschließt das Behältnis wieder und stellt es
an Ort und Stelle zurück.
„Wissen Sie“, sagt Herr Frei und setzt sich wieder, „am köstlichsten sind Walderdbeeren dann, wenn man sie von der
Spitze eines Zahnstochers verspeist.“
Aus seiner Tasche holt er beschwingt ein weißes Tuch, das er auffaltet und vor sich legt, danach eine kleine Tüte, in die
er mit einem der Zahnstocher hinein sticht. Er zieht daraus eine große Erdbeere hervor. Diese legt er, elegant am
Stäbchen gefasst, auf das kleine Tuch. Nach kurzer Zeit liegen drei aufgespießte Erdbeeren vor ihm.
„Notration!“, sagt er.
„Verstehe.“, sage ich.
Nachdem er die drei Erdbeeren genüsslich verspeist hat, dreht er jeden Zahnstocher um und spießt zu meinem
Erstaunen drei weitere Erdbeeren auf. Diese legt er auf sein Tüchlein, das er zu mir herüber schiebt. „Bitte“, sagt er,
„kosten Sie einmal!“
Ich zögere ein wenig, doch dann nehme ich eine, dann eine zweite und zuletzt die dritte.
„Köstlich!“, sage ich und lecke mir die Lippen. Durch das Fenster sehe ich den Himmel strahlen.
„Ich suche manchmal Plätze zum Beten“, sagt Herr Frei überraschend in die entstandene Ruhe hinein. „Am besten sind
leere Wohnungen für ein Gebet.“ Er steht auf und geht im Zimmer umher. Ich nehme meinen Schlüssel und verlasse leise
die Wohnung, um Herrn Frei nicht zu stören. Als ich zurückkomme, ist er verschwunden, ebenso das Tüchlein und die
Zahnstocher. Alles ist wie vorher. Sogar sein Gebet hat er mitgenommen.



2
Als der rostige Tag sich langsam zur Ruhe legen wollte, seine Augen schloss, die beiden Füße übereinander legte und
die Arme noch dazwischen schlang, schlich sich der blausilberne Wolkenmet durch zerknitterte Vorhangwellen davon. Der
Faltenwurf der Sonne bekam einen fahlen Glanz. Das Meer wurde in Nächtliches eingetaucht.
„Na toll!“, sagte Gino, „In diesem Licht ist mir jetzt der Appetit vergangen.“
Vor ihm stand ein Teller mit einem halb aufgegessenen Nudelgericht, Penne all' arrabiata, das Tomatenmark war kalt
geworden und schon ein wenig an den Nudeln festgetrocknet. Gino saß auf einer Empore und blickte hinunter auf den
Strand. Das Meer kräuselte sich. Die letzten Sonnenstrahlen verfärbten es kupferfarben, tunkten das Wasser in eine
rötlich braune Suppe. Gino schloss die Augen.
„Das Meer ist heute nur für Suppenwürfel ein Vergnügen. Wenn ich ein Suppenwürfel wäre“, fragte sich Gino, „wie lange
würde ich wohl brauchen, bis ich mich völlig aufgelöst hätte!?“
Er nahm seinen Teller und kippte den Inhalt, jene erkaltete Köstlichkeit der Italiener, mit kruder Geste hinab in die Wogen.
Als er es ein paar Meter weiter unten platschen hörte, lächelte er zufrieden.
„Meine Mutter hätte jetzt gesagt“, sinnierte Gino, „Essen wirft man nicht fort“. Sie hatte ihn stets ermahnt, dass in anderen
Teilen der Welt nicht genug zu Essen da sei.
„Ja ja, die armen Kinderchen aus der dritten Welt!“ spottete Gino. „Denen hätte meine kalte Portion Arrabiata gewiss auch
nicht geschmeckt.“ Er putzte die roten Speisereste von seinen Mundwinkeln an die blitzsaubere Serviette, legte sie
hernach achtlos zusammen und warf sie beiläufig auf den geleerten Teller.
„Der gute südländische Wein!“ schwärmte Gino. „Diese reifen, roten Trauben! Was gibt es Köstlicheres? Anna!“ rief er
nach drinnen. Nach einer Weile noch einmal, lauter: „Anna!!“
Anna kam nicht.
Abends kam immer die Flut. Gino stellte sich vor, dass in den Wellen das rote Tomatenmark trieb. Dass es aussah wie
Blut, aber kein Blut war und infolgedessen auch keine Haie anlocken würde.
„Anna!“
Anna hörte nicht. Gino studierte eine Weile das Etikett der Weinflasche. Eine 96er Spätlese. Er buchstabierte den Namen
der Trauben, da er nicht viel von Weinen verstand. Unten hörte er die Wellen schon an die Veranda schwappen. Er
drehte seinen goldenen Ehering.
Anna kam leise pfötelnd herbei und legte sich ihm zu Füßen. „Ach, da bist du ja, Schnäuzchen!“ Anna leckte ihm seine
von italienischer Erde verkrusteten Zehen.
„Seitdem Frauchen tot ist, haben wir nur noch uns“, sagte Gino und tätschelte ihr das Fell.
Da schickte die Sonne einen letzten Strahlenkranz, eine blass umwölkte Krone, über das blutrote Meer; die letzten Reste
der Dämmerung troffen aus den Wolkenfäden heraus. Die See rippte sich vor dem Horizont. Eine kleine Korvette hob sich
dunkel vom Himmel ab.
„Siehst du, wenn du früher gekommen wärst, Anna, hättest du noch Nudeln haben können. Aber die magst du ja eh nicht,
stimmt’s?“
Gino kraulte Anna zwischen den Ohren. Sie knurrte leise. Ein paar Vögel sangen, der Wind strich lau auf die Empore.
Letzte Sonnenreste blinkten wie Rubinsplitter auf den Wellen.
„Die Fische brauchen ja auch was zu Essen, nicht?“
Anna war eingeschlafen.



3
Gestern war ich also wieder mal beim Grimassenschneider. Habe mir eine neue Visage auflegen lassen, für mein frisches
Lebensmotto: 'Kompostiere dich selbst’. Da stand einiges zur Auswahl. Die Rübennase, der Karwendelkräuterblick, das
Salatohr, der Sauerampfermund, oder die Brennnessel-Komplett-Lösung.
Gestern, im Chor der Nationen, sang ich ein Kunterbuntlied. Immer wenn der Refrain kam, bekam ich einen Schrecken.
Ich wusste ihn nämlich nicht, und so bewegte ich einfach nur die Lippen ohne zu singen. Die Solopassagen sangen
ohnehin andere. Ich war dennoch verzweifelt. Es war zweifelhafter Eigenkompost, was ich da fabrizierte. Ich war mit mir
ganz und gar nicht zufrieden und dachte schon, ob ich wegen meines eingeknickten Selbstbewusstseins nicht doch mal
zum Psychologen gehen sollte.
Auch passte meine Nase seit gestern nicht mehr in die Steckdose, wie sonst, was mir ungewöhnlich erschien. Deshalb
entschied ich mich diesmal für die Grimasse „Öresund": linke Seite gefönter Blattsalat, Rucolanase, Sauerkrautfrisur,
rechte Seite marinierter Grünkohl, Ohren einheitlich zwei Wochen alte Bananenschale, saures Mandarinenauge. Leichtes
Sellerienäseln.
Damit lag ich im Trend. Ich studierte noch einmal den Katalog des Anbieters. Schön auch die Grimasse Björndal mit dem
französischen Dressing, das dem ganzen Ausdruck etwas Säuerliches verlieh. Sehr subtil die Grimasse Hejmdelek mit der
kecken Rettichnase, ungeschält, und den Rote-Bete-Ohrwascheln.
Mit dem Rettichspitz kam ich diesmal in die Steckdose, doch es floss noch kein Strom, denn dazu hätte ich zwei Nasen
haben müssen. Eine Plus- und eine Minusnase. Für den kompletten Funkenübersprung. Das hätte meiner Grimasse
wahrlich gut getan. Innovativ fand ich vor allem die Obstgrimassen Knupp und Börk!
Beide mit süßlicher Kirschzunge, Ringelohrenschalen, einem frechen zitronigen Sauerblick, Komplettsahnehaube und
zackiger Bucheckernnase. Jetzt konnte ich es mit einem Dimmer probieren, weil ich (als kleines Extra) Spargelzunge
Bölunt ausprobierte. Da wir zu Hause Niedervolt haben, bestand keine Gefahr, denn 60 Volt erzeugen im Rachen nur ein
leichtes Bitzeln. Meine Zufriedenheit mit mir selbst stieg um mehr als 300 Prozent. Die vom Anbieter beiliegende
Sofortbildkamera lieferte mir auf Knopfdruck genau im richtigen Moment exzellente Aufnahmen und schrieb den Namen
der jeweiligen Komplettgrimasse gleich unter das Bild, mit genauem Datum und Uhrzeit.
Neuerdings lässt sich ein solches Grimassenfoto auch per SMS verschicken. Für die Freundin, für den Kollegen, für den
Vorgesetzten. Dazu ein passendes Logo …
Und so kann ich dank meiner persönlichen Komplettgrimasse, der für mich maßgeschneiderten Individuallösung, wieder
selbstbewusst mitsingen. Und alle finden mich supernett.
Ich liebe seit Neuestem den Moment, wenn es blitzt, ich den Refrain mime und auf den Bildern toll aussehe:
Selbstbewusstes Eigenkompostieren anhand von Grimassen zum Selberaufsetzen vom norwegischen Grimassen-
Alleinanbieter LYGEA — da weiß man, wie man schaut.